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thumb_pragSonntag, 9.9.2012. Wir fuhren also los. Die fünfstündige Zugfahrt vertrieben wir uns durch plaudern, erhitzt geführte Kartenspiele, kleine Jausen und gelegentliche Nickerchen. Wir kamen an und konnten folgende Beobachtungen machen:

Das Wetter war überraschend gut, die Stadt überraschend schön, das Hotel überraschend luxuriös, die Tschechen überraschend freundlich und die Tschechinnen überraschend hübsch.

Nachdem uns unsere Lehrer Fr. Prof. Schmid-Feistl und Herr Prof. Schwarz etwas mit der Stadt vertraut gemacht hatten (von der pompösen Pariser Straße über die Karlsbrücke bis zur romantischen Kleinseite) und wir mehr oder weniger typisch tschechische Restaurants aufgesucht hatten, forderten die Anstrengungen des Reisetages ihren Tribut. Der Tag ging zu Ende und erschöpft gingen wir zu Bett. Hotel Salvator, wir fühlten uns gerettet.

Sämtliche noch müde Gesichter erhellten sich beim Anblick des Frühstückbuffets,  Speck und Obstsalat, Spiegeleier und Eierspeis, Croissants und Würstchen. Gestärkt nahmen wir an unserer ersten Führung teil. Lang zog sie die Silben, unsere etwas untersetzte Führerin: ’Ich freueee mich seeehr Ihneeen heute das aaalte jüdiiische Prag zeigeeen zu dürfen.’ Der tschechische Akzent war weitaus charmanter und liebenswürdiger als angenommen. Das Leben der jüdischen Bevölkerung in Prag vor dem zwanzigsten Jahrhundert stand im Zentrum der Führung. Aspekte, die gar nicht so einfach zu vermitteln sind. Maiselsynagoge, Pinkassynagoge, Spanische Synagoge, Rabbi Löw, der  jüdischer Friedhof, Alt-Neu Synagoge, die Golemsage. Kleine Golem-Figürchen und andere kleine Staubfänger wurden gleich auf der Straße neben dem Friedhof verkauft. Gekauft haben wir trotz fesselnden Inhalts der Geschichte keine.

Nachmittags pilgerten wir zum Vysehrad am rechten Moldauufer, dem sagenhaften Sitz des frühesten Herrschergeschlechts, wo Libussa ihre berühmte Prophezeiung von Prags glanzvoller Zukunft gesprochen haben soll.

Am nächsten Tag erwartete uns dann ein motivierter Führer, bereit Kafkas Prag zu zeigen. Mit am Gürtel angebrachtem Lautsprecher plus Mikrofon und Wanderstiefeln ausgerüstet, führte er uns zu Kafkas Geburtshaus am Altstädter Ring, Kafkas Schule, Kafkas Arbeitsstelle beim Wenzelsplatz, Kafkas Lieblingscafés. Kafkas kleines Universum, erweitert durch Franz Werfel, Egon Erwin Kisch, Max Brod. Unsere Auseinandersetzung mit den Prager deutschen Literaten gipfelte in einem Besuch im Kafka-Museum. Fotos, Briefe, Bücher, Zeichnungen, Videomontagen, ungeordnet wie in einem kafkaesken Bühnenbild.

Abends gingen wir alle zusammen essen, in ein Restaurant mit dem klingenden Namen ’’Fetter Panda’’, wo die Speisekarte alles von Altprager Gulasch bis Känguru Ragout bot. Sehr bald drehte sich das Gespräch um alte Geschichten, Anekdoten und Erinnerungen aus den vergangenen sieben Jahren. Mir wurde klar, wie viel diese Klasse schon zusammen erlebt hatte, und ich glaube, das war ein Moment, wo das Gefühl, nun tatsächlich in der „achten Klasse“ zu sein, für viele um einiges realer wurde.

Mittwoch, am letzten Tag, genossen wir noch ein letztes Mal die Annehmlichkeiten des Hotels und machten uns auf den Weg zur Prager Burg, wo eine letzte Führung auf uns wartete. Herr Prof. Schwarz hatte anscheinend seine alten tschechischen Connections spielen lassen und uns einen speziellen Fremdenführer aus dem Ruhestand organisiert, den er irgendwie über mehrere Ecken kannte. Höhepunkt der Führung: Blick aus dem hochgelegenen Fenster, das Schauplatz des Zweiten Prager Fenstersturzes war. Gewitzt und teils etwas hitzig teilte uns der Mann seine Meinungen über die Sowjet-Regierung, die Kirche in Europa, Gott und die Welt mit. Nach drei kleinen Streitereien bei der Kasse der Prager Burg, in der Kathedrale mit zwei italienischen Touristen sowie mit einer anderen Reiseleiterin machte man sich über seinen Blutdruck schon leicht Sorgen. Trotzdem verabschiedete er sich mit einem Lächeln. Und auch wir liefen im strömenden Regen Richtung Bahnhof und verließen Prag. Mit einem sentimentalen Lächeln.

Silvester Schlebrügge 8a